11.18
Bearbeitungsstand
Das Predigen, wie solches sowohl unter den Katholiken als Protestanten im Brauch ist, besteht darinnen, daß einer einen Ort oder Verse aus der Bibel nimmt, und eine, oder zwei Stunden Darüber herschwatzt, was er auf seiner Studierstube bereits vorher überlegt und betrachtet, und teils aus seiner eigenen Erfindung, teils auch aus den Schriften und Anmerkungen anderer zusammen gesammelt; und nachdem er solches auswendig gelernt, (wie ein Schulknabe seine Lektion) dasselbe hervor bringt und vor dem Volk wiederholt. Und je fruchtbarer und glücklicher eines solchen Mannes Erfindung ist, je mehr Fleiß und Arbeit er bei Sammlung solcher Anmerkungen angewandt hat, und je herrlicher die Rede, je fliessender die Sprache und menschliche Beredsamkeit ist, in welcher er sie vorträgt; für einen desto geschickteren und vortrefflichen Prediger wird er gehalten.
Diesem setzen wir entgegen, daß wenn sich die Heiligen versammelt haben, und jeder zu der Gabe und Gnade Gottes in ihm selbst eingekehrt ist, so muß derjenige, der da dient, wenn er durch die aufgehende Gnade dazu bewegt wird, dasjenige aussprechen, was ihm der Geist Gottes eingebietet. Wobei er nicht auf die Beredsamkeit und Weisheit der Worte, sondern auf die Beweisung des Geistes und der Kraft sieht. Und solches tut er, entweder mit Auslegung eines Stücks aus der Schrift, falls ihn der Geist, welcher die beste Erinnerung gebietet, dazu leitet; oder auch mit andern weisen Worten der Ermahnung, Warnung, Bestrafung und Unterweisung: Ebenso durch Anzeige der Empfindung einer oder der andern geistlichen Erfahrung. Welches alles der Schrift gemäß sein kann, wenn es sich gleich eben auf kein besonderes Kapitel, oder auf keinen besonderen Vers, als einen Text, bezieht und gründet. Nun lasset uns untersuchen und betrachten, welche Art zu predigen unter diesen beiden, mit denen in der Schrift aufgezeichneten Anweisungen Christi und seiner Apostel, und der ersten Kirche, am genausten überein kommt. Denn was erstlich dieses anbetrifft, daß sie über einen gewissen Text predigen, so wollten wir, wenn es nicht bloß aus Gewohnheit und auf eine vorher ausgestudirte Weise, sondern durch die unmittelbare Bewegung des Geistes geschähe, solches keineswegs tadeln. Alleine auf die Art, mie sie es verrichten, findet sich weder Anweisung noch jemals der Gebrauch dazu, den ich irgendwo in dem neuen Testament, als ein Stück des eingesetzten Gottesdiensts desselben, anmerken können.
Alleine sie führen an, daß Christus das Buch des Propheten Jesaia genommen, daraus hergelesen und solches erklärt; und daß Petrus über einen Spruch aus dem Propheten Joel gepredigt habe.
Ich antworte, daß Christus und Petrus solches nicht anders, als wie sie von dem Geist Gottes auf eine unmittelbare Weise dazu angetrieben und bewegt worden, und zwar ohne vorherangestellte Überlegung, getan haben. Welches unsere Widersacher, meines Erachtens, nicht leugnen werden. In welchem Fall wir es gar gerne zugeben. Alleine was geht dieses ihre gewöhnlichen auswendig gelernten Predigten an, da sie die Bewegungen und Leitungen des Geistes weder hoffen noch erwarten? Überdieses erhellt auch daraus, daß weder Christus noch Petrus solches als eine festgelegte Gewohnheit oder Weise, die von allen Kirchen-Dienern beständig beobachtet werden müsste, getan habe; weil fast alle Predigten, die von ihm und seinen Aposteln gehalten worden, und in der Schrift aufgezeichnet sind, nach keiner solchen Lehrart abgefasst gewesen. Wie aus seiner Predigt auf dem Berge erhellt, Matthäus. 5,1 etc. Markus 4,1 etc. Ebenso aus Pauli Predigt an die Athenienser und Juden etc. Gleichwie demnach diese Art zu predigen kein einziges Gebot der Schrift zum Grund hat; deshalbist die wesentliche Beschaffenheit desselben der Lehrart, deren sich Christus bei seinen Predigten im Neuen Testament bedient, wie solche in der Schrift beschrieben und angewiesen wird, zuwider. Denn Christus erinnert bei Aussendung seiner Jünger ausdrücklich, daß sie nicht aus oder von sich selbst reden, oder vorher entwerfen sollten, was sie vorbringen möchten; sondern was sie der Geist in derselben Stunde lehren würde; wie von allen drei Evangelisten auf eine gar besondere Weise erwähnt wird, Matthäus 10,20. Markus 13,11. Lukas 12,12. Nachdem nun Christus seinen Jüngern diesen Befehl gegeben, ehe er noch von ihnen geschieden, daß sie solchem, so lange als er noch äußerlich bei ihnen wäre, nachkommen sollten; so sind sie vielmehr verbunden gewesen, denselben nach seinem Abschied zu beobachten. Sintemal sie den Geist alsdenn auf eine besondere Weise empfangen sollten, der sie in alle Wahrheit leiten und sie alles erinnern würde, Johannes 14,26 Und da sie diese tun sollen, wenn sie vor der Obrigkeit und vor den weltlichen Fürsten erschienen; wie vielmehr gebührt ihnen solches bei der Verehrung Gottes da sie auf eine besondere Weise vor ihm stehen? Angesehen er, wie vorher gezeigt worden, im Geist angebetet sein will, und seine Verehrung im Geist geschehen soll. Und deshalb wird, nach Empfang des heiligen Geistes, von ihnen gesagt, daß sie geredet, wie ihnen der Geist auszusprechen gegeben, Apostelgeschichte 2,4. Wie ihnen der Geist auszusprechen gegeben; nicht, worauf sie schon zu Hause auf ihren Studierstuben studiert und meditiert, und mit guter Weile aus vielen Büchern zusammen getragen gehabt.
Der vorher angeführte Franciscus Lambertus redet sehr wohl hiervon, und zeigt ihre Heuchelei, wenn er Trakt. 5. von der Weissagung, Kap. 3. sagt: Wo sind nun diejenigen, die sich ihrer Erfindungen rühmen? Die da sagen: Eine herrliche Erfindung! Eine unvergleichliche Erfindung Sie nennen das eine Erfindung, was sie selbst erdichtet haben. Alleine, was haben die Gläubigen mit dergleichen Erfindungen zu tun? Wir begehren keine Erfindungen, keine Gedichte; sondern was gründlich, was unüberwindlich, was ewig und himmlisch ist, das verlangen wir; nicht was die Menschen erfunden, sondern was Gott offenbart bar. Denn wenn wir der Schrift glauben, so nuget unsere Erfindung zu nichts, als Gott zu unserm Verderben zu reizen. Und hernach spricht er: Hüte dich, daß du dir nicht vornimmst, dasjenige so gar genau zu predigen, worauf du zuvor studiert und meditirt hast, es sei auch was es wolle, Denn ob es schon erlaubt ist, einen Text zu erwählen, den du erklären willst, so kannst du doch die Auslegung desselben nicht vorher bestimmen. Damit du nicht dadurch dem Seil. Geist dasjenige entziehst, was ihm zugehört, nämlich, deine Rede zu regieren, damit du in dem Namen des Herren weissagen, und von aller Gelehrsamkeit, Nachsinnen und Erfahrung so entblösst, als ob du gar nichts studirer und gelernt hättest, da stehen mögest. Indem du dein Herz, deine Zunge und dich selbst seinem Geist gänzlich übergibst, und dich auf dein voriges Studieren und Meditieren ganz und gar nicht verlässt; sondern, mit völligem Vertrauen auf die göttliche Verheissung, bei dir selbst sagst, der Herr will denen, die das Evangelium predigen, das Wort mit großer Kraft geben. Vor allen Dingen aber nimm dich sorgfältig in Acht, daß du der Gewohnheit der Heuchler nicht nachfolgst, die fast von Wort zu Wort, was sie reden wollen, aufgeschrieben haben, als ob sie etliche Reimen auf einem Schauplatz hersagen sollten, indem sie ihre Predigt auswendig gelernt, wie diejenigen, so Trauerspiele aufführen, ihre erstaunlichen Mordgeschichte: Und doch hernach, wenn sie an dem Ort stehen, wo sie weissagen sollen, den Herrn anrufen, daß er ihre Zunge regieren wolle; immittelst aber dem heiligen Geist den Weg versperren, da sie beschlossen, nichts anders, als was sie aufgeschrieben haben, vorzubringen. O eine unselige, ja, verfluchte Art der Propheten! Welche sich nicht auf den heiligen Geist, sondern auf ihre Schriften und mühsame Erfindungen verlassen! Du falscher Prophet! Warum rufst du den Herren an, daß er dir seinen heiligen Geist, durch welchen du er was nützliches reden mögt, verleiben soll, da du doch den Geist von dir stösst? Warum ziehst du dein Meditation und Studien, dein Dichten und Sinnieren dem Geist Gottes vor? Warum übergibst du dich nicht vielmehr selbst diesem Geist?